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Disclaimer

Tapestry wurde mir von Feuerland Spiele vergünstigt zur Verfügung gestellt. Mir wurden keinerlei Bedingungen gestellt und meine Meinung über das Spiel ist davon unbeeinflusst.

Details

Tapestry ist ein asymmetrisches Zivilisations-Strategie-Spiel von Jamey Stegmaier (Scythe, Charterstone, Viticulture), das 2019 wie üblich über seinen eigenen Spieleverlag Stonemaier Games veröffentlicht worden ist. Bei uns ist das Brettspiel für 1-5 SpielerInnen, ebenfalls wie für Stegmaier-Games üblich, über Feuerland Spiele erschienen und unterdessen auch mit Erweiterung „Pläne & Gegenpläne“ erhältlich. Auch eine zweite Erweiterung wird es geben*, jedoch ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nichts Genaueres bekannt, außer dass sie voraussichtlich im April 2021 erscheint. Tapestry wird mit vorbemalten Wahrzeichen-Miniaturen geliefert, deren Prototypen vom Künstler Rom Brown aus Lehm gefertigt und bemalt worden sind. Das übrige Spieldesign stammt von Andrew Bosley, der uns seine Pinselkünste unter anderem mit Everdell präsentiert hat.

Ersteindruck & Spielmaterial

Tapestry Spielmaterial

Auch wenn sich irgendetwas in mir dagegen wehrt, jedes einzelne Feuerland- bzw. Stonemaier-Spiel, über das ich hier schreibe, hinsichtlich des Materials in den Himmel zu loben, muss ich es „leider“ wieder tun. Mittlerweile scheint es einfach ein Feuerland-Ding zu sein, dass sich deren Veröffentlichungen so anfühlen, als könntest du sie unter Wasser spielen. Und da es bei Tapestry nun mal erneut der Fall ist und der Faktor Spielmaterial und Design zur Spielerfahrung dazugehört, ein paar Zeilen Lobrede:

Das Spielmaterial fühlt sich durch die Bank sehr wertig und teilweise außergewöhnlich an. Außergewöhnlich, weil Spieler-, Hauptstadt- und Zivilisations-Tableaus wie ich erfahren habe in einem Verfahren hergestellt worden sind, das sich „Frosting“ nennt. Dadurch erhalten sie eine spürbar körnige Oberfläche, die irgendwo an abgenutztes Schleifpapier erinnert. Neben der interessanten Haptik haben sie dadurch den Vorteil, dass Spielkomponenten darauf weniger verrutschen. Aber mal ganz vom praktischen Nutzen abgesehen, ist das für mich wirklich ein Highlight. Ist wahnsinnig spannend, wie die Wahl der Oberfläche eines Tableaus frischen Wind ins Spieldesign bringen kann.

Auffälligstes Merkmal sind die größeren, vorbemalten Minis der Wahrzeichen, für die Tapestry vor und während der Veröffentlichung hier und da für Diskussionen gesorgt hat. Mir persönlich kommt es als jemand der seine Minis generell nicht (mehr) bemalt sehr entgegen. Und jetzt, wo ich weiß, dass sie im Original von jemanden in Handarbeit mit Lehm gestaltet und bemalt worden sind, gefallen sie mir deutlich besser als noch zu Beginn. Vor allem da die Arbeit von jemandem, der das vermutlich mal als Hobby angefangen hat, unterstützt wird. Für mich also ein erwähnenswerter Pluspunkt.

Einziges Manko beim Spielmaterial: Obwohl in Tapestry verdeckt Plättchen gezogen werden, liegt dem Spiel kein Beutel bei. Hier wird aber nachgeliefert: In der Erweiterung Pläne & Gegenpläne ist einer enthalten.

KURZ GESAGT

Das ist Tapestry

In Tapestry steigen wir als einzigartige Zivilisation auf 4 Entwicklungspfaden für Militär, Entdeckung, Wissenschaft und Technologie auf, um am Ende die geschichtsträchtigste und ruhmreichste Kultur zu sein. Vom Anbeginn der Menschheit bis in die Zukunft prägen wir dabei die Geschichte unserer Nation durch das Ausspielen von Gobelinkarten, die stellvertretend für eine neue Ära unserer Zivilisation stehen. Durch den Bau von Einkommensgebäuden wie Märkte, Bauernhöfe oder Waffenschmieden und einzigartigen Wahrzeichen errichten wir die angesehensten Hauptstädte der Zukunft.

Ob als herrschende Eroberer, großartige Architekten oder Erfinder wegweisender Technologien – welchen Weg unsere Zivilisation wählt, um in die Geschichte einzugehen, bleibt dabei ganz uns überlassen.

Zivilisationsspiel

Asymmetrisch

Ressourcenmanagement

IM DETAIL

So wird Tapestry gespielt

Spielvorbereitung

Der Aufbau von Tapestry: Mit Spielbrett und Tableaus.

Beispielaufbau für 3 SpielerInnen.

Der Spielaufbau von Tapestry hatte sich für mich als unerwartet simpel und zügig herausgestellt. Alle SpielerInnen erhalten ihr Material und zwei zufällige Zivilisations-Tableaus, aus denen sich eine ausgesucht wird. Zusätzlich noch ein zufälliges Tableau für die Hauptstadt, die allesamt unterschiedlich sind. Das Spielbrett wird vorbereitet, indem die Startpositionen der SpielerInnen bestimmt werden und jeder einen Spielermarker an den Beginn der 4 Leisten für Militär, Entdeckung, Technologie und Wissenschaft legt. Zu guter Letzt, werden noch Kartenstapel vorbereitet und Erkundungsplättchen bereitgelegt. Der gesamte Aufbau ist dabei super angenehm veranschaulicht gleich auf der ersten Seite der Spielanleitung zu finden.

Spielablauf

In Tapestry haben wir zunächst die Wahl aus zwei Aktionen: Einkommen nehmen und auf einer Leiste einen Schritt voranschreiten. Wobei das Regelheft sicherstellt, dass jeder als erste Aktion einen Einkommenszug durchführt. Hier also keine Wahl. Zusätzlich endet eine Partie Tapestry für dich, nachdem du dir zum 5. Mal Einkommen genommen hast. Der Aufstieg jeder Zivilisation beginnt und endet also mit dem Einkommen. Ich sage hier speziell „für dich“, weil das Spiel zwar eine übliche Zugreihenfolge im Uhrzeigersinn besitzt, es aber keine „Runden“ im klassischen Sinne gibt. Bis auf den ersten Einkommenszug können die 4 weiteren je nach Spielweise und Bedarf für SpielerInnen zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden. Thematisch gesehen bedeutet das, dass sich Zivilisationen in Tapestry nicht zwangsweise gleich schnell weiterentwickeln und das Spiel in unterschiedlichen Zügen beenden können.

Der Spielablauf von Tapestry

Beispiel-Spielablauf in Tapestry. SpielerInnen können pro Ära unterschiedlich oft voranschreiten.

SPIELABLAUF

Aktion: Einkommenszug

Durch die insgesamt 5 Einkommenszüge, die wir in Tapestry durchführen werden, erhalten wir Ressourcen, Gobelinkarten für den Ausbau unserer Zivilisation und Plättchen zum Erkunden auf der Entdeckungsleiste. Ab dem zweiten Einkommenszug werden außerdem Zivilisationsfähigkeiten ausgelöst, Gobelinkarten ausgespielt, Tech-Karten aufgewertet und Siegpunkte erhalten. Der erste Einkommenszug ist demnach primär dazu da, die nötigen Ressourcen zum Voranschreiten auf den Leisten zu erhalten. Weshalb ich nicht ganz nachvollziehen kann, warum dieser Schritt nicht zum Aufbau gehört und das Spiel einen regelrecht dazu zwingt, dass jeder in seinem ersten Zug Einkommen erhalten muss. Hier hätte man zum Abschluss des Spielaufbaus auch sagen können: „Hier, nimm dir noch dieses Material zum Start und dann go!“. Vielleicht hängt das aber mit einer Erweiterung zusammen, in der gewisse Zivilisationen nicht als ersten Zug Einkommen erhalten müssen.

Die Hilfeleiste für einen Einkommenszug in Tapestry

Einkommen erhalten

Was wir in welchem Einkommenszug erhalten, ist übersichtlich links auf den Spielertableaus dargestellt. Außerdem erhalten wir immer nur die Ressourcen, die durch das Wegnehmen bzw. Bauen von Gebäuden sichtbar sind. Ein System, dass sich bspw. in Scythe schon bewährt hat.

Die beiden Gobelinkarten "Monarchie" und "Mit Überlegenheit brüsten" aus Tapestry.

Gobelinkarten ausspielen

Jedes mal wenn wir bei dieser Aktion eine Gobelinkarte ausspielen, beginnen wir damit eine neue Ära. Dabei erhalten wir je nach ausgespielter Karte entweder einen einmaligen Soforteffekt, oder verleihen unserer Zivilisation bis zum Ausspielen der nächsten Gobelinkarte eine passive Verbesserung.

SPIELABLAUF

Aktion: Voranschreiten

Die 4 Fortschrittsleisten in Tapestry: Entedckung, Militär, Technologie und Wissenschaft.

Die 4 Fortschrittsleisten in Tapestry: Entdeckung, Militär, Technologie und Wissenschaft.

Mit der Voranschreiten-Aktion wählen wir eine beliebige der vier Fortschrittsleisten Entdeckung, Militär, Technologie oder Wissenschaft aus und gehen mit unserem Marker einen Schritt weiter. Jede Leiste bietet dabei ihre eigene Hauptbelohnung, die den jeweiligen Schwerpunkt widerspiegelt. So können wir bspw. einzig auf der Technologie-Leiste neue Tech-Karten erhalten; auf der Militärleiste erobern; und auf der Entdeckungsleiste erkunden.

Für jeden Schritt auf den Leisten müssen wir Ressourcen bezahlen. Zu Beginn noch beliebige, später teilweise bestimmte je nach Leiste. Dafür erhalten wir immer eine Belohnung und oft zusätzlich einen optionalen Bonus, der meist für eine weitere beliebige Ressource erbeutet werden kann. Alle Leisten erstrecken sich über 12 einzelne Felder, wobei auf den Feldern 4, 7 und 10 Wahrzeichen für den jeweils ersten Spieler in dem Abschnitt warten. Außerdem zeichnet sich jede Leiste durch eine Spezialisierung hinsichtlich Einkommensgebäuden und spezifischen Kosten aus.

Die Hauptbelohnungen im Detail

Entdeckungsleiste: Erkunden

Auf der Entdeckungsleiste wartet die Hauptbelohnung Erkundung auf uns, mit der wir auf der Spielkarte ein Erkundungsplättchen angrenzend an von uns kontrollierte Gebiete in frei wählbarer Ausrichtung anlegen dürfen. Hierfür bekommen wir Siegpunkte je nach Ausrichtung des Plättchens und ggf. noch eine Belohnung für das Platzieren. Durch die Entdeckungsleiste können wir außerdem neue Plättchen erhalten, Bauernhöfe errichten und zum Schluss das Weltall erkunden. Die Schritte auf späteren Feldern werden hier mit Nahrung (Pilzsymbol) bezahlt. Die Entdeckungsleiste ist eine der zwei Leisten, durch deren Hauptbelohnung Interaktion auf dem Spielbrett stattfindet.

Hauptbelohnung auf der Entdeckungsleiste: Erkunden
Hauptbelohnung auf der Militärleiste: Erobern

Militärleiste: Erobern

Durch die Hauptbelohnung der Militärleiste können wir angrenzende Gebiete erobern und so unser Herrschaftsgebiet ausweiten. Um zu erobern, stellen wir einen unserer Außenposten auf ein angrenzendes Plättchen. Anschließend dürfen wir die beiden Eroberungswürfel werfen und uns standardgemäß eine der beiden Belohnung aussuchen (Siegpunkte oder Ressourcen). Gehört das zu erobernde Gebiet einem Mitspieler, hat er die Möglichkeit das Vorrücken mit einer Fallenkarte (getarnt als Gobelinkarte) zu verhindern. Ein richtiges Kampfsystem gibt es in Tapestry nicht. Der Autor wollte unbedingt, dass das Spiel Eroberung enthält, jedoch den Fokus durch Einheiten oder ein größeres Kampfsystem nicht zu sehr darauf setzen.

Auf der Militärleiste bekommen wir außerdem neue Gobelinkarten, können Waffenschmieden errichten und erhalten zum Schluss eine weitere Zivilisation. Bezahlt werden die späteren Felder mit Kultur (Sternsymbol).

  • Die Militärleiste ist die zweite Leiste mit Interaktion auf dem Spielbrett.
  • Nur durch Eroberung können 2/3 Errungenschaften im Spiel erzielt werden

Technologieleiste: Erfinden

Erfinden ist die Hauptbelohnung auf der Technologieleiste. Hierdurch erhalten wir neue Tech-Karten, die wir uns entweder aus den ausliegenden aussuchen oder verdeckt ziehen können. Nehmen wir uns eine Tech-Karte, wird sie zunächst in der untersten Reihe (X-Symbol) an unser Hauptstadt-Tableau angelegt, bis sie in späteren Einkommenszügen aufgewertet werden. Bei der erstmaligen Aufwertung erhalten wir dabei die Belohnung im Kreis. Zur nächsten Aufwertung dann die im Quadrat, wofür allerdings immer eine Bedingung erfüllt sein muss. Tech-Karten bieten neben Siegpunkten vielfältige Boni wie weitere Wahrzeichen, Ressourcen, Einkommensgebäude oder Schritte auf Leisten.

Die Technologieleiste bietet außerdem die Möglichkeit zum Bau von Märkten und wird mit Münzen (Beutelsymbol) bezahlt.

Hauptbelohnung auf der Technologie-Leiste: Erfinden
Hauptbelohnung auf der Wissenschaftsleiste: Forschen

Wissenschaftsleiste: Forschen

Die Hauptbelohnung forschen auf der Wissenschaftsleiste zeichnet sich dadurch aus, dass wir mit meist zufälligen, weiteren Schritten auf Fortschrittsleisten belohnt werden. Hierfür wird der grüne Wissenschaftswürfel geworfen, dessen Ergebnis die Leiste symbolisiert, auf der wir einen weiteren Schritt voranschreiten dürfen. Auf frühen Feldern der Leiste ist der weitere Schritt an sich die Belohnung. Später erhalten wir zusätzlich auch die Belohnung des Feldes, auf dem wir durch den Forschungswürfel landen. Das Voranschreiten auf einer Leiste ist nach dem Würfelwurf immer optional. Da gerade zu Beginn auf die Belohnung des Zielfeldes zu Gunsten des weiteren Schrittes verzichtet werden muss. Diese Leiste interagiert mehr mit den übrigen Fortschrittsleisten als die anderen.

Errungenschaften

In Tapestry gibt es insgesamt drei Errungenschaften, für die es beim Erreichen Siegpunkte gibt. Für die erste muss das Ende einer Leiste erreicht werden; für die zweite müssen wir zwei gegnerische Außenposten erobern; und für die dritte müssen wir die im Zentrum der Karte liegende Insel erobern. Zwei der Drei Errungenschaften können also nur durch die Aktion Eroberung erzielt werden, was allerdings nicht zwangsläufig über die Militärleiste passieren muss. Die Eroberung der Insel kann dabei regelbedingt nur zwei mal erzielt werden, während die anderen beiden je nach Spieleranzahl unterschiedlich oft erlangt werden können.

Eine Hauptstadt mit EInkommensgebäuden und Wahrzeichen.

Hauptstadt & Wahrzeichen

Auf den Hauptstadt-Tableaus platzieren wir unsere errichteten Einkommensgebäude und erhaltene Wahrzeichen. Und das nicht nur irgendwie. Hier wurde ein kleines Puzzle-Element eingebaut, bei dem wir möglichst Zeilen und Spalten abschließen und die 9 3×3 großen Quadrate füllen wollen. Für das Füllen von Zeilen und Spalten erhalten wir in Einkommenszügen Siegpunkte, während wir für das Zubauen eines Quadrates sofort und einmalig mit einer beliebigen Ressource belohnt werden. Guter Zeitpunkt, um mal zu erwähnen, dass das Voranschreiten auf Leisten in Tapestry nur möglich ist, solange du Ressourcen dafür ausgeben kannst. Kannst du das nicht, musst du einen Einkommenszug ausführen und in die nächste Ära starten. Das Bauen von „Stadtvierteln“ kann also eine gute Strategie sein, um eine laufende Ära durch die erhaltenen Ressourcen zu verlängern.

Die roten Punkte auf den Tableaus gelten dabei als „unwegsam“, können nicht bebaut werden, zählen aber als bereits befüllt. Die Wahrzeichen dürfen, bzw. müssen in manchen Fällen aus Platzmangel auch außerhalb des Gitternetzes platziert werden.

Die Zivilisationen

Die 16 Zivilisationen in Tapestry stellen keine (realen) Nationen dar, sondern definieren sich mehr durch Identitäten oder Ideologien. So gibt es z.B. Handwerker, Händler oder Architekten; aber auch exotischere Kulturen wie Futuristen, Isolationisten oder Auserwählte. Ganz abgefahren mit Aliens wird es dann in der Erweiterung. Jede Zivilisation hat dabei, wie für Strategiespiele mit asymmetrischen Fraktionen üblich, andere Stärken und Schwächen. Einige von ihnen geben dir klar und deutlich vor, welche Fortschrittsleiste für sie sinnvoll ist, während andere sehr flexibel auf allen Wegen ihre Vorteile effektiv nutzen können.

Da es zu Beginn Schwierigkeiten mit dem Balancing gab (was verständlich ist, bei 16 asymmetrischen Fraktionen) und es scheinbar immer noch nicht ganz hinhaut, wird Tapestry fortlaufend anhand von Feedback aus der Community angepasst. Solltest du dir Tapestry zulegen, hab’ da ein Auge drauf. Die Anpassungen findest du als PDF in der Stonemaier Games Dropbox für Tapestry. Auf englisch, versteht sich. Bereits meine Auflage, die ich im Juli erhalten habe, wurde unterdessen wieder verfeinert.

Mein Fazit zu Tapestry

Auch wenn ich Tapestry bis hierhin stellenweise sehr blumig und als sehr thematisch beschrieben habe, handelt es sich bei diesem Brettspiel tatsächlich eher um ein rein mechanisches Spiel. Die Entwicklung der Zivilisationen, die Wahrzeichen oder auch die Erfindungen, die in Realität große Meilensteine in unserer Geschichte waren, kommen während des Spielens eigentlich kaum zur Geltung. Das beste Beispiel für mich sind hier die Wahrzeichen. Sie sind ein wichtiger Punkt in Tapestry und man arbeitet generell darauf hin. Insbesondere für sie fehlt mir aber etwas Bühne. Eine Karte, die du dazu erhältst und nochmal kurz was zur Geschichte erzählt.

Es gibt hier also keine Flavourtexte mit Hintergrundinfos zu Technologien oder Bauten, die kurz aufzeigen, was wir da eigentlich gerade erfunden oder entdeckt haben. Jeder einzelne Schritt auf der Fortschrittsleiste und jedes gebaute Einkommensgebäude soll thematisch gesehen einen Meilenstein in der Menschheitsgeschichte darstellen. Das wird aber lediglich durch den Titel des Feldes (bspw. mit „Schrift“, „Töpferei“ oder „Schießpulver“) ein klein wenig spürbar.

Das ist aber in dem Moment weniger schlimm, in dem man merkt, dass Tapestry gar nicht die Absicht hat besonders immersiv oder realitätsgetreu informativ zu sein. Meiner Meinung nach, erweckt es nur eingangs den Anschein, dass hier nebenbei auch etwas Wissen vermittelt werden könnte (ähnlich wie bei Flügelschlag). Ansonsten ist das Thema aber sehr gekonnt und elegant in das Spielkonzept selbst eingebunden worden. Man hat beim Spielen schon das Gefühl sich weiterzuentwickeln, zu wachsen und seine Zivilisation durch sein Tun zu prägen.

Easy to learn, hard to master

Tapestry ist verblüffend schnell aufgebaut, erklärt und verstanden. Wir haben hier zunächst nur zwei Dinge die wir in unserem Zug tun können; es gibt so gut wie keine Sonderfälle und auch die Aktionen auf den Fortschrittsleisten, sind durch die Symbole sehr eingängig. Und falls doch mal was unklar ist, gibt es Übersichtsbögen mit allen Schritten und Technologien. Das muss ich hier besonders hervorheben, denn so habe ich Strategiespiele dieser Kategorie, wenn überhaupt nur sehr selten erlebt. Als direkte Gegenstücke würde ich hier die beiden Civilization Brettspiele (2010 & 2017) nennen, bei denen selbst nach einigen Partien immer noch Fragezeichen auftauchten. Ich meine, die Regeln werden inklusive Aufbau auf 5 Seiten in der Anleitung erklärt. Und die ist jetzt nicht besonders kleingeschrieben oder eng formatiert. Tapestry ist definitiv etwas für BrettspielerInnen, die gern umfangreichere Strategiespiele ausprobieren möchten, sich aber generell von dicken Regelwerken abschrecken lassen.

Auch wenn Tapestry sehr zugänglich ist, ist es immer noch ein forderndes Strategiespiel. Das muss klar sein. Wenn du die 100 auf der Siegpunktleiste erreichst, setzt du einen Marker dort ab und fängst wieder von vorn an. Wenn du 200 erreichst, drehst du wieder eine Runde. Bis hierhin nichts Unübliches. Dann steht in der Anleitung allerdings sinngemäß: „Bei 300 und 400 tust du das gleiche“.  An dieser Stelle musste ich kurz schmunzeln, weil ich es für einen Witz gehalten hatte. Bis ich dann gelesen hatte, dass 300 SP ein guter Wert sind und die Leiste tatsächlich bis 400+ reicht. Gut, also ein Brettspiel in dem es wohl nicht ungewöhnlich ist einen sehr hohen Punktestand zu erreichen. Warum ich das hier erzähle? In all unseren bisherigen Spielen (zzgl. 3 Solopartien), hatte niemand von uns auch nur im Ansatz 300 Punkte erreicht. Seltsam für eine Gruppe, die geübt in Strategiespielen ist, über die Manche behaupten würden, man müsse dafür Mathematik studiert haben. Dann nicht mal einen mutmaßlichen Durchschnittswert zu erreichen, lässt einen Fragen, was man hätte besser machen können.

Und das bringt mich zu meinem eigentlichen Punkt: Tapestry wird mit jedem mal besser. Du möchtest beim nächsten mal mehr Punkte machen, du möchtest effizienter spielen und das gelernte aus vorangegangenen Partien umsetzen. Dieser Ansporn sowie die zahlreichen Zivilisationen, die vielen Möglichkeiten Siegpunkte zu generieren und der Freiraum für Experimente, sorgen für einen extrem hohen Wiederspielwert. Und auch für extrem hohe „Wiederspiellaune“, wenn man so will.

Empfehlung

Bevor ich Tapestry jemandem empfehle, komme ich nicht drum herum vorher nochmal kurz den Preis anzusprechen. Das Brettspiel ist neu für 70-80€ zu bekommen. Das ist eine Preisspanne, bei der einige womöglich doppelt überlegen, ob ihnen das wert ist. Und ich wage mal zu behaupten, dass du ja deswegen hier bist. Ich möchte hier nochmal ganz klar sagen, dass ich Tapestry von Feuerland vergünstigt erhalten habe. Ob ich es mir selbst für 70€+ gekauft hätte? Vermutlich nicht. Im Nachhinein kann ich aber sagen, dass ich es nicht bereut hätte, hätte ich es mir zum vollen Preis gekauft.

Wie gesagt, ist Tapestry ein Werk mit eingängigem Spielkonzept aber gleichzeitig immens viel Tiefe und Möglichkeiten. Und durch den besonders hohen Wiederspielwert, würde ich es dir empfehlen, wenn du die Chance siehst, dass es öfters bei dir auf dem Tisch landet. Spieltechnisch gesehen ist Tapestry vermutlich etwas für dich, wenn dir Brettspiele mit viel Möglichkeiten und Ressourcenmanagement wie z.B. Terraforming Mars, Gaia Project oder Brass zusagen.

Danke!

Zum Schluss nochmal ein persönliches Danke fürs Lesen an dich – du bist Klasse! Wenn dir mein Review gefallen hat, du Fragen oder Einwände hast, hinterlass mir doch gerne einen Kommentar.

*Bei diesen Links handelt es sich um Affiliate-Links. Kaufst du dir Tapestry über diese Links, erhalte ich durch deinen getätigten Kauf eine Provision. Dadurch kannst du diesen Blog unterstützen, ohne dass sich der Preis für dich dadurch ändert.

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