Rising Sun – Fluch oder Segen? (K)eine Erfolgsgeschichte

Rising Sun – Fluch oder Segen? (K)eine Erfolgsgeschichte

Ehrgeiz & Wahnsinn

Ehrgeiz und Wahnsinn

Nach meiner ersten, hoffnungslosen Niederlage in Rising Sun, habe ich mich danach noch zu ungefähr 2 weiteren Partien verleiten lassen. Allesamt müsste ich, wenn ich mich richtig erinnere, mit weniger als 20 Punkten beendet haben. Die Siegpunktleiste geht in Rising Sun bis 50. Theoretisch. Macht man mehr Punkte, fängt man auf der Leiste wieder von vorn an und addiert das Ganze einfach. Ich meine, es war nicht unüblich, dass bei uns der Führendste immer um die 70-80 Punkte hatte. Nur, um die Demütigung zu verdeutlichen. Zum Ende der letzten Partie, war ich dann fest davon überzeugt diesem Spiel abzuschwören. Den Angaben nach, soll eine Partie Rising Sun 90-120 Minuten dauern. Tatsächlich kommen aber inklusive Regelerklärung 2-3 oder sogar 4 Stunden eher hin. Gerade, wenn Einsteiger dabei sind. Und über diese Dauer einfach nur kopfzerbrechend und missmutig dabeizusitzen, statt ein ernstzunehmender Mitstreiter zu sein … das wollte ich mir nicht länger antun.

Ich habe Rising Sun danach doch noch einmal gespielt. Denn wenn dieses Brettspiel eines geschafft hat, dann ist es Ehrgeiz bei mir zu entwickeln. Noch Tage nach den Runden kamen bei mir immer wieder aus dem Nichts Gedanken zu diesem Spiel. Irgendwie, musste ich doch in der Lage sein, wenigstens einmal zu gewinnen? Ich hatte mir fest vorgenommen, die nächste Partie besser abzuschließen und stieg siegesgewillt in diese Runde ein. Mein Ehrgeiz verabschiedete sich dann aber schnell wieder, als ich schon nach der erste Runde mit großem Abstand hinten lag. Die anfängliche Motivation verflog und Demut stieß in mir hoch. Überflüssig zu sagen, dass ich mich dann nur noch genervt und enttäuscht von mir selbst durch diesen Abend gekämpft hatte.

FEHLER #3

Jetzt. Zum Zeitpunkt, zu dem ich diese Zeilen hier tippe, ist mir auch ein bisschen mehr klar warum. Am besten, lässt sich mein Vorgehen in unseren Partien wohl mit Albert Einsteins Definition von Wahnsinn erklären: „…immer wieder das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Ich hatte immer den gleichen Clan gespielt, in der Hoffnung, besser mit diesem zu werden und durch meine Erfahrung irgendwann zu gewinnen, anstatt meine Wahl zu überdenken und zu akzeptieren, dass ich die Spielweise dieses Clans möglicherweise nicht mal im Ansatz verstanden hatte.

Was ich hier versuche zu sagen: Diese Art von Spiel kann dir sehr schnell die Laune verderben. Ein geplanter, lustiger Spieleabend mit Freunden kann zu einer Qual werden, bei der du einfach nur teilnimmst und deinen Mitspielern die Pest an den Hals wünscht. Meiner Erfahrung nach, ist es insbesondere bei Rising Sun schwierig die Motivation beizubehalten, wenn deine Mitspieler für dich uneinholbar in Führung gehen. Vor allem, weil es keine mir bekannte, gute Aufholmechanik gibt. Spielen alle auf demselben Niveau weiter, wirst du vermutlich auch hintenbleiben.

Aber: Statt wie ich, miesgelaunt dazusitzen, nutze die Partie um zu lernen. Du siehst schließlich direkt auf dem Brett vor dir, wie es funktioniert und wie es möglich ist in diesem Spiel gut abzuschneiden. Sammle diese Erfahrung und nehme sie in die nächste Runde mit. Darüber hinaus solltest du mutiger als ich ein, und es nach einer Niederlage vielleicht mal mit einer anderen Fraktion probieren.


Erfolg durch Selbstreflexion

In der Zwischenzeit habe ich zwar immer noch keine Runde Rising Sun gewonnen, konnte aber kleinere und auch große Erfolge in ähnlichen Spielen verbuchen. Das jüngste Beispiel ist Lords of Hellas, bei dem ich gegen die weitestgehend gleiche Gruppe an Spielern gewonnen habe, gegen die ich sonst in Rising Sun ausschließlich verloren habe. Und das schiebe ich nicht auf das Spiel, sondern auf die Tatsache, dass ich aus meinen Fehlern gelernt hatte. Ich habe mir zu Beginn die mir zugewiesene Fraktion (bzw. Held in diesem Spiel) genau angeschaut und den mir dadurch vergebenen Vorteil so gut es ging ausgespielt. Ich habe dafür gesorgt, dass jeder einzelne Zug meiner Strategie zuträglich ist und überlegt, was mir etwas bringt und was nicht.

Zur Regelerklärung habe ich ganz genau darauf geachtet, dass ich gefälligst auch zuhöre und verinnerliche, was da erzählt wird, statt in Gedanken zu schwelgen und ab und zu mal reinzuhören. Siegbedingungen sowie Fähigkeiten und Möglichkeiten der anderen Helden habe ich mir wiederholt erklären lassen um sicherzugehen, dass ich weiterhin auf dem richtigen Weg bin. Dazu kommt, dass ich mir bei meinen Zügen wirklich Zeit gelassen und alles überdacht habe. Zugegeben, die Spielzeit von Lords of Hellas wurde durch mich möglicherweise extremst überschritten, letzten Endes hat es mir aber Selbstsicherheit und den Sieg gebracht.

Und jetzt kann ich endlich von mir behaupten, dass ich bereit bin. Bereit jemanden vom Rising Sun Thron zu stoßen.

Ich hoffe, dass dir meine kleine Geschichte irgendwas bringen wird. Mir hat es zumindest sehr geholfen, meine Gedanken zu dem Thema niederzuschreiben und zu reflektieren. Abschließend, fasse ich die Tipps nochmal zusammen.

Meine Tipps für Einsteiger

Sei dir von Anfang an bewusst, dass diese Spiele nicht von irgendwoher als „Experten-Strategie-Spiele“ gelten. Versuche einen klaren Plan zu verfolgen und jede einzelne Aktion dahingehend auszurichten. „Drauflosspielen“, funktioniert in den seltensten Fällen. Ausnahme ist natürlich, wenn du dein erstes Spiel dieser Art zusammen mit einer Gruppe spielst, die auf deinem Level ist.

Viele dieser Spiele sind asymmetrisch. Bedeutet, dass jede Fraktion, jeder Charakter oder Held andere Fähigkeiten besitzt und oft eine bestimmte Spielweise zum Sieg voraussetzt. Wähle eine Fraktion, die du verstehst und dessen Stärken du erkennst. Achte darüber hinaus auf etwaig angegebene Schwierigkeitsgrade oder Komplexitäts-Angaben vom Autor.

Ist an sich selbstverständlich, habe ich mich aber oft bei erwischt, es nicht zu tun: Höre bei der Regelerklärung genau zu und zögere nicht nachzufragen, sollte etwas unklar sein. Die Siegbedingungen genau verinnerlicht zu haben, hilft dir stets deinen Stand und den deiner Mitspieler im Blick zu behalten.

Nehme nichts persönlich und versuche selbst auch keine Rücksicht auf Gefühle oder Stimmung der anderen am Tisch zu nehmen. Klingt vielleicht etwas hart, gehört zu einem Strategiespiel aber dazu. Verzichtest du auf wichtige Züge um jemand anderen nicht anzupissen, wirst du nicht erfolgreich sein. Denk einfach daran, dass der oder die Andere das gleiche tun würde.

Bist du nicht erfolgreich, schmeiß nicht das Handtuch. Mach weiter und lerne aus deinen Aktionen und den Zügen der anderen. Jede Runde gewinnst du an Erfahrung und weißt, was du in deiner nächsten Partie anders machen kannst.

Das ein oder Andere alkoholische Getränk gehört sicherlich zu vielen Brettspielabenden dazu. Weißt du im Vornherein, dass eine solche Art Spiel gespielt wird, zügel dich eventuell etwas.

Zuletzt noch ein paar Tipps für die Experten:

Weißt du, dass jemand am Tisch sitzt, der so ein Spiel zum ersten mal spielt, schieb deinen Stolz zur Seite. Nimm Rücksicht und probiere vielleicht alternative Wege zum Sieg oder andere Fraktionen aus, statt Neulinge gleich mit einer bewährten try-hard-Strategie an die Wand zu fahren. Ich spreche hier nicht davon Siege zu verschenken, sondern von Chancengleichheit.

Empfehle Anfängern eine geeignete Fraktion zum Start und weise gegebenenfalls daraufhin, falls deren Wahl nicht unbedingt die beste für einen Einstieg ist.

Viel Erfolg!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Marvin

    Hey, bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen. Dachte, ich lasse Dir auf diesem Weg ein bisschen Dank und Motivation zukommen. Die Art, wie du deine Reviews aufbaust empfinde ich als vorbildlich und insbesondere die Tatsache, dass du auch andere Artikel zum Thema Brettspiele verfasst (wie eben den hier), finde ich super. Ist spannender, als das drölfzigste Review, diese Niesche ist schon zienlich besetzt.
    Zum Artikel selbst, sehr interessant! Aber vielleicht hättest du noch deutlicher herausarbeiten können, wie du Rising Sun denn nun eigentlich findest. Falls das jedoch Absicht war, dann will ich dagegen natürlich nichts gesagt haben 😉
    Beste Grüße, Marvin

    1. Tim

      Hey Marvin! Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr über dein Lob. 🙂 Ich werde auf jeden Fall noch über weitere Erfahrungen und Themen schreiben. Eigentlich war es nie von mir geplant, Rising Sun so prominent in den Beitrag zu verpflanzen, wie es nun der Fall ist. Ursprünglich sollte es allgemeiner um asymmetrische Strategie-Spiele gehen. Samt Tipps und Erfahrungen meinerseits. Da aber meine Erlebnisse mit Rising Sun bestens als Beispiele für meine Tipps gepasst haben, habe ich mich da irgendwie reinfokussiert. Deshalb habe ich auf die Info verzichtet. Ich werde mir das aber zu Herzen nehmen und evtl. einen passenden Absatz hinzufügen. Um dir das gleich hier zu beantworten: Ich würde es als mildere Form der „Hassliebe“ beschreiben. Ich mag Rising Sun, es treibt mich aber nach wie vor an meine Grenzen. Und nein, gewonnen habe ich immer noch nicht. 😉 Generell sind mir meine aktuellen Favoriten aus dem Genre Cthulhu Wars oder Root deutlich lieber. LG, Tim

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