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Kurz vorab: Das hier ist weder Anleitung noch Rezension. Solltest du also wissen wollen, wie das Spiel genau funktioniert oder Lobeshymnen lesen wollen, suchst du dir lieber eines der vielen Reviews raus. Ich verfolge mit dieser Geschichte die Absicht, Einsteigern und Neulingen im Bereich (asymmetrischen) Experten-Strategie-Spielen dabei zu helfen, herauszufinden, ob diese Spiele grundsätzlich etwas für sie sind. Ferner wirst du am Ende wissen, worauf du dich bei deiner ersten Partie einlassen musst, was du beachten solltest und welche Fehler du vermeiden kannst.

Das mache ich, indem ich hier zum einen über meine persönlichen Erlebnisse mit dieser Art von Spiel spreche und zum anderen grundlegende Tipps für den Einstieg in asymmetrische Strategie-Spiele gebe. Solltest du also insbesondere über Rising Sun, aber auch Spiele wie Root, Der eiserne Thron, Cthulhu Wars oder Scythe gestolpert und neugierig geworden sein, bist du hier goldrichtig. Denn ich bin überzeugt, dass du mit meinem Bericht einen besseren Eindruck von diesen Spielen bekommst, als mit jedem noch so etabliertem Review da draußen.

Bist du bereits „Experte“ auf diesem Gebiet, wird dieser Bericht auch dir dabei helfen, Neulingen den Einstieg in solche Brecher zu erleichtern. Denn du spielst eine nicht ganz unwichtige Rolle dabei.

Rising Sun & Eric M. Lang

Mr. Eric M. Lang ist ein kanadischer Spieleautor und „Director of Game Design“ beim amerikanischen Spieleverlag CMON. Viele Spiele hat er gemacht, wenn man allerdings von „Lang-Games“ redet, meint man meist vor allem die, durch die er seine Bekanntheit erlangt hat: Chaos in der alten Welt, dem 2016 erschienenen Bloodrage und dem Brettspiel, um das es hier vorrangig gehen wird, Rising Sun. Spiele, die nicht nur im generellen Brettspiel-Kosmos äußerst beliebt sind, sondern auch speziell in unserer Spielerunde in Kombination bisher häufiger auf dem Tisch landeten, als jedes andere. Und auch jetzt, kurz nach Beginn der Kickstarter-Kampagne für Langs bzw. CMONs nächsten Streichs ANKH, ist der Hype enorm. Aber warum?

Langs Werke geizen nicht mit ihren Reizen. Als Experten Strategie-Spiele bringen sie eine oder mehrere interessante Mechaniken mit sich, die man nicht unbedingt in jedem Spiel findet. Schon gar nicht in Kombination. Zusätzlich gibt es in seiner aktuellen Bestseller-Reihe für Jedes ein ansprechendes, kulturell und mythologisch geprägtes Thema: Bloodrage rund um Wikinger und der nordischen Mythologie, Rising Sun im feudalen Japan samt Oni und Sitten, das erscheinende Ankh im antiken Ägypten mit den gängigsten Göttern. 

Diese Thematiken sind nicht nur, ich kann es nicht anders sagen: einfach cool, sondern decken auch einige Interessensgebiete potenzieller Käufer ab. Abgerundet wird das Erfolgsrezept durch zahlreiche, aufwendig gestaltete Minis. Kurz gesagt: Mechaniken, Themen, Design und Material scheinen direkt wie ein brennender Speer in die Herzen vieler Brettspieler zu treffen. Um das zu unterstreichen, beichte ich an dieser Stelle, dass ich weder Bloodrage noch Rising Sun selbst besitze und auch nie die Absicht hatte, mir eines dieser Spiele zuzulegen. Interessiere mich jedoch für die altägyptische Weltsicht und bin daher bei Ankh allein aufgrund des Themas hellhörig geworden.

Die Qual der Wahl

Klans in Rising Sun: Bonsai, Schildkröten, Koi und Libellen

Die Standard-Klans in Rising Sun. Jeder Klan mit einem einzigartigen, individuellen Vorteil. Beispiel blau: Der Libellen-Klan bewegt sich uneingeschränkt übers Spielbrett.

Da bin ich also. Recht frisch im Brettspiel-Game und naiv genug um zu glauben, dass jedes Spiel schon irgendwie funktioniert, wenn man einfach mal drauflos spielt. Naiv genug um zu glauben, dass Brettspiele immer Spaß machen, solang man sie in einer angenehmen Runde mit Freunden spielt. Und überzeugt davon, dass kein Brettspiel der Welt es schaffen würde, dass ich den Wunsch habe absichtlich etwas zu verschütten. Natürlich neben „Monopoly“ oder „Mensch ärgere dich nicht“.

Chaos Rises

Angefangen mich umzustimmen, hat dann ein Spiel Namens Chaos in der alten Welt. Ein asymmetrisches Experten-Strategie-Spiel vom bereits oben erwähnten Mr. Lang, dass ich aber zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht bewusst als solches wahrgenommen hatte. Bei einem Brettspiel im Warhammer-Universum, hätte ich Tölpel aber zumindest erahnen können, was da auf mich zukommen könnte. Zu 4. Starteten wir also diese Runde und selbstverständlich wählte ich meine Fraktion sorgfältig und anhand von gut überlegten Fragen aus: Passt diese Fraktion gut zu mir? Habe ich ein Bild von der optimalen Vorgehensweise? Habe ich zumindest in etwa einen Plan, wie ich mit ihr siegreich vom Brett gehen kann? Pustekuchen.

Ich sah die Farbe Blau leuchten, also war mein Gedankengang eher so: „Schöne Farbe, schöne Minis, nehme ich!“. Kenner werden wissen, dass es sich hierbei um den Gott Tzeentch handelte. Der „Wandler der Wege“, „große Verschwörer“ und „Architekt des Schicksals des Universums“. Ein Gott, der also vermutlich von einer hinterhältigen, geduldigen und intriganten Spielweise mit konsequent durchdachten Manövern, statt primitivem Vorgehen profitiert. Ein Gott, der jegliche Bewegungen seiner Feinde stets im Auge behält und die passende Antwort parat hat. Und seien wir mal ehrlich. Das klingt so gar nicht geeignet für Anfänger.

Fehler #1

Der erste Fehler wurde hier also schon begangen. Ich kann mich tatsächlich auch gar nicht mehr daran erinnern, ob mir von diesem Gott abgeraten worden ist und ich einfach auf die Wahl beharrt hatte, oder ob man mich einfach mal hat machen lassen. Vielleicht wurde mir hier ein siegführender Umgang mit diesem Gott auch einfach aus mir unerklärbaren Gründen zugetraut.

Ich glaube, ich brauche hier nicht groß erwähnen, dass diese Runde für mich alles andere als ein Erfolg geworden ist und mich das Spiel nicht unbedingt als Freund gewonnen hatte.

Falsche Freunde & einsame Wölfe

Rising Sun: Bündnisse in der Teezeremonie

Bündnisse in Rising Sun. Für diese Runde wäre Gelb mit Grün und Rot mit Lila verbündet. Blau steht allein da.

Irgendwann legte sich dann ein Freund und Mitglied unserer regelmäßigen Spielerunde den Star dieses Artikels zu. Rising Sun. Zu diesem Zeitpunkt war mir immerhin schon bewusst, um was für eine Art Spiel es sich dabei handelte: Eine Art Risiko im feudalen Japan, mit mehr Mechaniken, Aktionen, Verhandlungselementen und vielen coolen Figuren. Nach einigen Runden Bloodrage hatte ich allerdings für mich auch gelernt, dass ich nicht der größte Freund von derartig konfrontativen Auf-die-Fresse-Spielen bin und wollte mich erst gar nicht anschließen. Wurde aber durch die Möglichkeit in Rising Sun Teams bilden zu können überzeugt.

Und man, habe ich mir damit selbst ins Bein geschossen. Bündnisse bilden ist durchaus eine Sache in Rising Sun, dass diese aber rein zweckmäßig sowie vorübergehend sind und eigentlich nur dem einzelnen zum Sieg verhelfen sollen, habe ich dann später erst gemerkt. Einen gemeinsamen Sieg gibt es hier nämlich nicht und oft genug ist die Aktion seinen Partner zu verraten und damit das Bündnis zu brechen, zu profitabel. Rein mechanisch ist so ein Verrat hier tatsächlich nicht weiter schlimm. Meine ehrliche, naive Seele fühlte sich allerdings betrogen und nimmt sowas persönlich. Ein Schock, von dem ich mich über die nächsten Züge so schnell nicht erholt hatte.

Zudem kann es in Rising Sun mit einer ungeraden Anzahl an Spielern vorkommen, dass ein Spieler nach der Teezeremonie, in der die Bündnisse vereinbart werden, keinen Partner hat. Wie dann auch passiert. Ungeachtet dessen, dass es natürlich spieltechnisch ausgeglichen wird, dass ich plötzlich alleine gegen 2 2er Teams spielte, empfand ich es als unfair und fühlte mich automatisch unterlegen.

Fehler #2

Unterdessen habe ich selbst kein Problem mehr damit. Verräter-Mechaniken und halsabschneiderische Aktionen sind alltäglich geworden und meine ehrliche Seele hat mittlerweile verstanden, dass man in solchen Strategie-Spielen nichts persönlich nehmen darf. Aber anhand meiner bisherigen Erfahrung, möchte ich mit auf dem Weg geben, dass es eben Menschen gibt, für die solche Situationen einfach eine Hürde sind. Sie haben anfangs Schwierigkeiten damit, offensiv gegen Freunde vorzugehen und eine unbegründete, emotionale Barriere, die verhindert, solche Strategiespiele effizient zu spielen.

Ehrgeiz & Wahnsinn

Rising Sun: Ehrgeiz und Wahnsinn

Nach meiner ersten, hoffnungslosen Niederlage in Rising Sun, habe ich mich danach noch zu ungefähr 2 weiteren Partien verleiten lassen. Allesamt müsste ich, wenn ich mich richtig erinnere, mit weniger als 20 Punkten beendet haben. Die Siegpunktleiste geht in Rising Sun bis 50. Theoretisch. Macht man mehr Punkte, fängt man auf der Leiste wieder von vorn an und addiert das Ganze einfach. Ich meine, es war nicht unüblich, dass bei uns der Führendste immer um die 70-80 Punkte hatte. Nur, um die Demütigung zu verdeutlichen. Zum Ende der letzten Partie, war ich dann fest davon überzeugt diesem Spiel abzuschwören. Den Angaben nach, soll eine Partie Rising Sun 90-120 Minuten dauern. Tatsächlich kommen aber inklusive Regelerklärung 2-3 oder sogar 4 Stunden eher hin. Gerade, wenn Einsteiger dabei sind. Und über diese Dauer einfach nur kopfzerbrechend und missmutig dabeizusitzen, statt ein ernstzunehmender Mitstreiter zu sein … das wollte ich mir nicht länger antun.

Ich habe Rising Sun danach doch noch einmal gespielt. Denn wenn dieses Brettspiel eines geschafft hat, dann ist es Ehrgeiz bei mir zu entwickeln. Noch Tage nach den Runden kamen bei mir immer wieder aus dem Nichts Gedanken zu diesem Spiel. Irgendwie, musste ich doch in der Lage sein, wenigstens einmal zu gewinnen? Ich hatte mir fest vorgenommen, die nächste Partie besser abzuschließen und stieg siegesgewillt in diese Runde ein. Mein Ehrgeiz verabschiedete sich dann aber schnell wieder, als ich schon nach der erste Runde mit großem Abstand hinten lag. Die anfängliche Motivation verflog und Demut stieß in mir hoch. Überflüssig zu sagen, dass ich mich dann nur noch genervt und enttäuscht von mir selbst durch diesen Abend gekämpft hatte.

Erfolg durch Selbstreflexion

In der Zwischenzeit habe ich zwar immer noch keine Runde Rising Sun gewonnen, konnte aber kleinere und auch große Erfolge in ähnlichen Spielen verbuchen. Das jüngste Beispiel ist Lords of Hellas, bei dem ich gegen die weitestgehend gleiche Gruppe an Spielern gewonnen habe, gegen die ich sonst in Rising Sun ausschließlich verloren habe. Und das schiebe ich nicht auf das Spiel, sondern auf die Tatsache, dass ich aus meinen Fehlern gelernt hatte. Ich habe mir zu Beginn die mir zugewiesene Fraktion (bzw. Held in diesem Spiel) genau angeschaut und den mir dadurch vergebenen Vorteil so gut es ging ausgespielt. Ich habe dafür gesorgt, dass jeder einzelne Zug meiner Strategie zuträglich ist und überlegt, was mir etwas bringt und was nicht.

Zur Regelerklärung habe ich ganz genau darauf geachtet, dass ich gefälligst auch zuhöre und verinnerliche, was da erzählt wird, statt in Gedanken zu schwelgen und ab und zu mal reinzuhören. Siegbedingungen sowie Fähigkeiten und Möglichkeiten der anderen Helden habe ich mir wiederholt erklären lassen um sicherzugehen, dass ich weiterhin auf dem richtigen Weg bin. Dazu kommt, dass ich mir bei meinen Zügen wirklich Zeit gelassen und alles überdacht habe. Zugegeben, die Spielzeit von Lords of Hellas wurde durch mich möglicherweise extremst überschritten, letzten Endes hat es mir aber Selbstsicherheit und den Sieg gebracht.

Und jetzt kann ich endlich von mir behaupten, dass ich bereit bin. Bereit jemanden vom Rising Sun Thron zu stoßen.

Ich hoffe, dass dir meine kleine Geschichte irgendwas bringen wird. Mir hat es zumindest sehr geholfen, meine Gedanken zu dem Thema niederzuschreiben und zu reflektieren. Abschließend, fasse ich die Tipps nochmal zusammen.

Meine Tipps für Einsteiger

Sei dir von Anfang an bewusst, dass diese Spiele nicht von irgendwoher als „Experten-Strategie-Spiele“ gelten. Versuche einen klaren Plan zu verfolgen und jede einzelne Aktion dahingehend auszurichten. „Drauflosspielen“, funktioniert in den seltensten Fällen. Ausnahme ist natürlich, wenn du dein erstes Spiel dieser Art zusammen mit einer Gruppe spielst, die auf deinem Level ist.

Viele dieser Spiele sind asymmetrisch. Bedeutet, dass jede Fraktion, jeder Charakter oder Held andere Fähigkeiten besitzt und oft eine bestimmte Spielweise zum Sieg voraussetzt. Wähle eine Fraktion, die du verstehst und dessen Stärken du erkennst. Achte darüber hinaus auf etwaig angegebene Schwierigkeitsgrade oder Komplexitäts-Angaben vom Autor.

Ist an sich selbstverständlich, habe ich mich aber oft bei erwischt, es nicht zu tun: Höre bei der Regelerklärung genau zu und zögere nicht nachzufragen, sollte etwas unklar sein. Die Siegbedingungen genau verinnerlicht zu haben, hilft dir stets deinen Stand und den deiner Mitspieler im Blick zu behalten.

Nehme nichts persönlich und versuche selbst auch keine Rücksicht auf Gefühle oder Stimmung der anderen am Tisch zu nehmen. Klingt vielleicht etwas hart, gehört zu einem Strategiespiel aber dazu. Verzichtest du auf wichtige Züge um jemand anderen nicht anzupissen, wirst du nicht erfolgreich sein. Denk einfach daran, dass der oder die Andere das gleiche tun würde.

Bist du nicht erfolgreich, schmeiß nicht das Handtuch. Mach weiter und lerne aus deinen Aktionen und den Zügen der anderen. Jede Runde gewinnst du an Erfahrung und weißt, was du in deiner nächsten Partie anders machen kannst.

Das ein oder Andere alkoholische Getränk gehört sicherlich zu vielen Brettspielabenden dazu. Weißt du im Vornherein, dass eine solche Art Spiel gespielt wird, zügel dich eventuell etwas.

Zuletzt noch ein paar Tipps für die Experten:

Weißt du, dass jemand am Tisch sitzt, der so ein Spiel zum ersten mal spielt, schieb deinen Stolz zur Seite. Nimm Rücksicht und probiere vielleicht alternative Wege zum Sieg oder andere Fraktionen aus, statt Neulinge gleich mit einer bewährten try-hard-Strategie an die Wand zu fahren. Ich spreche hier nicht davon Siege zu verschenken, sondern von Chancengleichheit.

Empfehle Anfängern eine geeignete Fraktion zum Start und weise gegebenenfalls daraufhin, falls deren Wahl nicht unbedingt die beste für einen Einstieg ist.

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